Sunday, November 20, 2011
Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen.
Kurzbeschreibung:
"Wir wollen keinen Katalog der Tragödien zusammenstellen, sondern denen eine Stimme geben, die kämpfen, ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind. Es gibt Hoffnung." Das Schwarzbuch zur Lage der Frauen ist die erste umfassende Bestandsaufnahme zur wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Situation von Frauen aller Kontinente. Es versammelt einschlägige Analysen international bekannter Journalistinnen, Publizistinnen und Wissenschaftlerinnen zur Durchsetzung von Frauenrechten und zur Lösung drängender Probleme wie z.B. Aids, Hunger und Frauenhandel. Ein Meilenstein auf dem Weg zu einer gerechteren Welt - mit einem Geleitwort von Maybrit Illner.
Über die Autorin:
Christine Ockrent (Hg.), geb. 1944 in Brüssel, war lange Jahre Chefredakteurin beim französischen Fernsehen sowie Redaktionsleiterin von L´Express in Paris. Seit 1996 ist sie Chefredakteurin der Sendung Politique dimanche und moderiert die Europasendung France Europe Express.
Zitiere:
Rezension 1:
Das Buch ist nichts für zarte Gemüter: beim Lesen der ersten 2 Kapiteln bekommt man wahrhaftig Alpträume. Das ist ein Buch für alle Männer und Frauen die meinen, dass die Emanzipation zu Ende ist und dass die Frauen sowieso gleichberechtigt wären, vielleich mit wenigen Ausnahmen. Es ist nicht so, genau das Gegenteil ist der Fall: in vielen Ländern dieser Welt werden Frauen immer noch brutal unterdrückt, geschlagen, verstümmelt oder qualvoll getötet. Auch in Westeuropa gibt es noch Nachholbedarf: in der Politik, Wissenschaft und Wirtschaft haben Männer das sagen, Frauen haben "vom Geburt an" weniger Chancen, vor allem wenn sie Kinder bekommen wollen. Es gibt noch viel zu tun, und "frau" wie "man" darf nicht die Augen davor verschließen.
Rezensension 2:
Den Grundaufbau für die rund fünfzig Beiträge liefern die Grundrechte, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen festgeschrieben sind. Diese sind: Sicherheit. Unversehrtheit. Freiheit. Würde. Gleichheit. - Wie sieht es nun damit bei Frauen aus? Antwort auf diese Fragen geben bekannte Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen und Historikerinnen.
Frauen sind häufig nicht in Sicherheit und auch heute noch an Leib und Leben bedroht, nur weil sie Frauen sind. Dies ist der Einstieg in das Thema. Mit Angriffen auf die körperliche Unversehrtheit von Frauen beschäftigt sich der nächste Teil, da der Körper von Frauen traditionell als Eigentum von Männern oder der Gesellschaft betrachtet wird. Dem folgt ein Kapitel über die Hindernisse, die der Befreiung der Frauen entgegenstehen. Frauen besitzen vielerorts nicht die gleichen Rechte wie Männer. Im vierten Teil geht es um die Würde von Frauen, also um das Recht, geachtet und respektiert zu werden. Abschließend wird dargelegt, welcher Weg noch zurückzulegen ist, bis wirklich Gleichheit zwischen Männern und Frauen herrscht.
Quelle amazon.de
Mein Senf:
Artikel zu lesen aus denen hervorgeht, dass bspw. weltweit 80 Millionen Mädchen & Frauen von perversen Menschenhändlern entführt und u.a. auch an Bordelle verkauft worden sind oder dass es schon 140 Millionen Mädchen & Frauen gibt, deren Geschlecht verstümmelt wurde und dass täglich ca. 2.000 dazu kommen, ist schon verdammt heftig. Und ja, würde das Buch nur so von Männerhass triefen, wäre es mehr als verständlich.
Umso unverständlicher ist es, dass weder nachvollziehbare politische Maßnahmen getroffen wurden noch dass es hörbar in der Öffentlichkeit diskutiert wurde bzw. wird. Dass diese Verbrechen nur in männlich dominierten Gesellschaften passieren, macht zweifelsfrei sichtbar, dass zu viele Männer einen deftigen Minderwertigkeitskomplex haben müssen und folglich Frauen sowohl hassen als auch Angst vor ihnen haben. Denn wer andere als minderwertig diskriminiert, fühlt sich selbst minderwertig.
Tuesday, November 1, 2011
Die verlorene Geschichte der Amazonen.
Kurzbeschreibung
Dieses Buch begibt sich auf die Spuren der sagenumwobenen Amazonen. Es beleuchtet die berühmte Amazonensage in all ihren Facetten, begibt sich auf eine archäologische Spurensuche und liefert neueste Forschungserkenntnisse aus der legendären Heimat der Amazonen am Fluss Thermodon und von der einst von Amazonen bewohnten Insel Lemnos. Eingehende Untersuchungen der antiken Amazonensagen in Kombination mit neuesten Entdeckungen vor Ort entschlüsseln den geheimnisvollen Mythos über das berühmte Frauenvolk. Zahlreiche Abbildungen dokumentieren die Forschungsergebnisse. Diese neuesten - unvoreingenommenen - Forschungen bringen das eingefahrene Geschichtsbild ins Wanken. Zahlreiche archäologische und historische Spuren deuten darauf hin, dass die Amazonen wirklich existiert haben! Auf Basis dieser neuesten Erkenntnisse kann die verloren gegangene Geschichte der Amazonen rekonstruiert werden.
Über den Autor
Der Autor dieses Buches, Gerhard Pöllauer, ist Archäologe und Althistoriker und widmet sich seit über 20 Jahren der Erforschung der Amazonen.Buch bei: amazon.de
Einleitung und mein Senf ist hier -> nachzulesen
Wednesday, October 26, 2011
Juli Zeh: Spieltrieb
Aus der Amazon.de-Redaktion:
Ada ist mit 12 Jahren auf erschreckende Weise erwachsen geworden. Vor zwei Jahren nämlich hat die hochintelligente Schülerin, neu am Bonner Ernst-Bloch-Gymnasium und im Unterricht gern in die Rolle der Lehrerin schlüpfend, beschlossen, alles als „gleich gültig“ anzusehen. Nur der Sport- und Deutschlehrer Smutek und Höfi, der Geschichtslehrer, können ihr Paroli bieten. Aber dann kommt der ebenso attraktive wie kluge Halbägypter Alev ins Spiel, dem alle „Prinzessinnen“ der Schule zu Füßen liegen. Ada und Alev scheinen wie geschaffen für ein Experiment jenseits moralischer Konventionen, bei dem es vor allem um die gleichberechtigten Startanlagen der Teilnehmer geht. Das intellektuelle Kräftemessen beginnt -- und weitet sich bald zu einer Obsession. Aber wer hält die Fäden in der Hand? Wie kann man Realität und Fiktion auseinanderhalten? Und: Gibt es eine Möglichkeit auszusteigen?
Ada, so hieß schon einmal die (12-jährige) Heldin eines Buchs, in dem es um Spieltriebe in Internatsumgebung ging: um erotische Spiele, aber auch um solche mit Form und Inhalt. Ada oder Das Verlangen heißt dieses Buch, und der Meister adoleszenter Erotik, Vladmir Nabokov, hat es Ende der sechziger Jahre geschrieben. Ada erscheint darin als „anmutiger Computer“, dem der „Wortzirkus“ das größte Vergnügen bereitet.
Und tatsächlich ist ADA ja auch der Name einer raffinierten, zur Strukturprüfung anderer Programme verwendeten Programmiersprache: unbewusst durchschauend und „intelligent dumm“ wie die Protagonistin von Zehs Spieltrieb eben. Auf beide Traditionen spielt Zehs Roman mehr als deutlich an: auch dies Teil einer intertextuellen Strategie, die das Buch um eine weitere Nuance bereichert.
All diese Ebenen hat Zeh auf eine faszinierend konsequente, atmosphärisch überaus dichte Weise zu einer philosophischen Pubertätsgeschichte mit Liebes- und Krimielementen miteinander verwoben. Und sie hat dies so spielerisch leicht getan, das ihr faszinierender Roman auf hohem Niveau bestens, teils sogar vergnüglich lesbar geblieben ist.
Ada, so hieß schon einmal die (12-jährige) Heldin eines Buchs, in dem es um Spieltriebe in Internatsumgebung ging: um erotische Spiele, aber auch um solche mit Form und Inhalt. Ada oder Das Verlangen heißt dieses Buch, und der Meister adoleszenter Erotik, Vladmir Nabokov, hat es Ende der sechziger Jahre geschrieben. Ada erscheint darin als „anmutiger Computer“, dem der „Wortzirkus“ das größte Vergnügen bereitet.
Und tatsächlich ist ADA ja auch der Name einer raffinierten, zur Strukturprüfung anderer Programme verwendeten Programmiersprache: unbewusst durchschauend und „intelligent dumm“ wie die Protagonistin von Zehs Spieltrieb eben. Auf beide Traditionen spielt Zehs Roman mehr als deutlich an: auch dies Teil einer intertextuellen Strategie, die das Buch um eine weitere Nuance bereichert.
All diese Ebenen hat Zeh auf eine faszinierend konsequente, atmosphärisch überaus dichte Weise zu einer philosophischen Pubertätsgeschichte mit Liebes- und Krimielementen miteinander verwoben. Und sie hat dies so spielerisch leicht getan, das ihr faszinierender Roman auf hohem Niveau bestens, teils sogar vergnüglich lesbar geblieben ist.
Pressestimmen:
„Bewundernswert.“ (Ulrich Greiner, Die Zeit )"Juli Zeh entwickelt die Geschichte auf fast 600 Seiten abwechselnd aus der Perspektive der beiden Jugendlichen und des betroffenen Lehrers. Ihr Stil ist kunstvoll und streckenweise atemberaubend. Erstaunlich, wie tief sich die 31-jährige Autorin in die unterschiedlichen Generationen einzufühlen vermag.“ (Thüringische Landeszeitung )
"Mit Spieltrieb steht fest: Hier ist ein fulminantes Talent am Werk." (Berliner Zeitung )
Saturday, October 22, 2011
Ernest Borneman: Sexuelle Marktwirtschaft.
Vom Waren- und Geschlechtsverkehr in der bürgerlichen Gesellschaft.
Scharfsinnig beschreibt der bekannte Sexualwissenschaftler Ernest Borneman die sexuelle Verunsicherung, wie sie sich Männern und Frauen in der Industriegesellschaft gleichermaßen, aber doch unterschiedlich bemächtigt hat.
Das Buch ist ein Aufschrei gegen die "Verwarung" des menschlichen Zusammenlebens, ein Aufschrei gegen die Kommerzialisierung unserer Sexualität. Bornemans Gesellschaftskritik setzt an einer grundsätzlichen Reform des Sexuallebens ein; denn „zwischen ungleichen Menschen kann es keine gleiche Liebe geben".
Kurzbeschreibung
Die rapide Degradierung sexueller Beziehungen zu Konsumwaren in den westlichen wie östlichen Gesellschaften ist Gegenstand dieser vehementen Sozialkritik des Sexualwissenschaftlers Ernest Borneman. Der Autor beschränkt sich nicht auf die Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse, sondern regt auch Änderungen im Sinne einer Humanisierung des Zusammenlebens an.
Das Buch bei amazon.de

Das Buch ist ein Aufschrei gegen die "Verwarung" des menschlichen Zusammenlebens, ein Aufschrei gegen die Kommerzialisierung unserer Sexualität. Bornemans Gesellschaftskritik setzt an einer grundsätzlichen Reform des Sexuallebens ein; denn „zwischen ungleichen Menschen kann es keine gleiche Liebe geben".
Kurzbeschreibung
Die rapide Degradierung sexueller Beziehungen zu Konsumwaren in den westlichen wie östlichen Gesellschaften ist Gegenstand dieser vehementen Sozialkritik des Sexualwissenschaftlers Ernest Borneman. Der Autor beschränkt sich nicht auf die Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse, sondern regt auch Änderungen im Sinne einer Humanisierung des Zusammenlebens an.
Das Buch bei amazon.de
Friday, October 21, 2011
Stephen Jay Gould "Der falsch vermessene Mensch".
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| Das Foto ist NICHT aus dem Buch :D |

Zitiere: Eine Bemerkung zum amerikanischen Titel (The Mismeasure of Man)''' Ich hoffe, daß ein scheinbar auf den Männlichkeitswahn bezogener Titel richtig aufgefaßt wird — nicht nur als ein Wortspiel mit Pythagoras berühmtem Aphorismus, sondern auch als Kommentierung der Verfahren, wie sie die im Buch erörterten Deterministen anwandten. Sie untersuchten in der Tat «den Mann» (d. h. weiße europäische Männer), wobei sie diese Gruppe zum Maßstab erhoben und alle anderen Menschen zu deren Nachteil damit verglichen. Daß sie den «Mann» falsch vermaßen, unterstreicht ihren doppelten Trugschluß.
Kurzbeschreibung
Die Messung der menschlichen Intelligenz fing mit buchstäblichen Schädelmessungen im 19. Jahrhundert an und ist zur Messung des Intelligenzquotienten "fortgeschritten". Diese moderne Verdinglichung von Intelligenz führte zu einer subtilen, allumfassenden und falschen Beurteilung nach Rasse, Schicht und Geschlecht: die Unterschiede zwischen den Menschen seien hauptsächlich auf ihr Erbgut zurückzuführen, die biologische Ausstattung sei schicksalsbestimmend. Gould deckt den Kardinalfehler dieser Theorie auf, indem er schildert, wie sie entstanden ist, und die Daten, auf denen sie beruht, einer erneuten Analyse unterzieht.
Über den Autor
Stephen Jay Gould (1941-2002) amerikanischer Paläontologe, Geologe und Evolutionsforscher und Essayist.Er war Professor an der Harvard University für Geologie, Biologie und Wissenschaftsgeschichte.Die Einleitung gibt's hier: KLICK
Das Buch hier: amazon.de
Monday, October 17, 2011
Love me or leave me...
Pressestimmen
Auszug aus dem 1. Beitrag:
Ein weiteres Merkmal, das die Liebe von anderen Gefühlen unterscheidet, ist ihre narrative Beschaffenheit. Die Liebe entspinnt sich wie eine Geschichte, sie wird von ihrer Form her als narrativ empfunden und ist eng mit der Selbstnarration verbunden. Die meisten anderen Emotionen werden als punktuelle Ereignisse erlebt, die zwar Teil einer Geschichte sein können, die jedoch nicht dafür geschaffen sind, uns unser Ich in all seinen Ausprägungen zu schildern. (Unvorstellbar, dass ein Gefühl wie Wut den Lebensweg eines Menschen bestimmen könnte; das Leben auf eine Liebesbeziehung bzw. Liebesbeziehungen zu reduzieren fällt uns hingegen leicht (...) Das einzige vergleichbare Gefühl ist vielleicht die Rache, die ebenfalls im Zentrum einer Lebensgeschichte stehen kann.
Die Liebe ist also eine kulturelle Narration, die auf weiter gefasste kulturelle Narrationen des Selbst verweist. Ebenso wie andere Geschichten ist sie durch die ihr innewohnenden kulturellen Codes definiert.
Ein kultureller Code ist per definitionem ein konzeptuelles System, das sich um zentrale Gegensätze und Gleichsetzungen herum gruppiert, in denen Begriffe wie - Frau und Mann - einander gegenübergestellt werden, wobei jeder Begriff mit einem Bündel symbolischer Attribute belegt wird.
Kulturelle Codes liefern die Grundlage für Konnotationen.
Über kulturelle Codes wird soziale Realität gelesen, mitgeteilt und gestaltet. Poststrukturalistischen Historikerinnen und Soziologinnen zufolge vermittelt sich Bedeutung vor allem über paradigmatische Gegensätze und syntag-matische Assoziationen. So beinhaltet der US-amerikanische kulturelle Code für Liebe "häufig" Kategorien wie "Behutsamkeit", "Wärme" und "Freundschaft", nicht aber Bedeutungen wie "Lust" oder "wilde Leidenschaft". Kulturelle Codes wurzeln in der Gesellschaft, ihren Einrichtungen, Organisationen und standardisierten Prozessen, von denen ausgehend sie sich wie ein Geflecht aus Gegensätzen und Assoziationen ausbreiten.
In der Liebe spielen folgende institutionelle Strukturen eine wesentliche Rolle bei der Ausprägung kultureller Codes:
1. Religion
Die Kulturgeschichte der Liebe belegt, dass die Religion einen entscheidenden Einfluss auf die Normen nimmt, die Ehe und Sexualität regeln. Die katholische Kirche etwa setzte einen kulturellen Code der sexuellen Enthaltsamkeit durch und prägte das Ideal der romantischen Liebe als einer rein geistigen Empfindung, die vom Sexualtrieb abgespalten ist.'8 Die protestantische Theologie unterscheidet sich in diesem Punkt grundlegend von der katholischen, was sich auch im Umgang mit der Liebe niederschlägt. Ehe, Sexualität und Fruchtbarkeit sind hier positiv konnotiert und werden uneingeschränkt begrüßt und gefördert. Anders als im katholischen Christentum, wo Sexualität mit der Ursünde in Verbindung gebracht wird, gehört sie bei den Protestanten zum Plan Gottes dazu und wird nicht als störendes Element empfunden. Dies legt den Schluss nahe, dass auch die jüdische Religion und ihre rituellen Praktiken die gängige Vorstellung der Israelis von Ehe, Fruchtbarkeit und Sexualität beeinflusst haben.
2. Strategien des wirtschaftlichen Überlebens
Historikerinnen haben übereinstimmend gezeigt, dass immer wenn in der Geschichte Individuen in der Lage waren, ihr Leben unabhängig vom Vermögen der Familie zu bestreiten, und die wirtschaftlichen Bedingungen eine größere Mobilität zuließen, die Ehe für das ökonomische Überleben an Bedeutung verlor.'9 Dies wiederum führte zu einer größeren Freiheit in der Partnerinnenwahl. Ein freier Arbeitsmarkt, die Möglichkeit, sich aus eigener Kraft ein Auskommen zu sichern, das gesetzlich verankerte Recht auf Privateigentum und der Aufstieg des Individuums — alle diese Faktoren deuten darauf hin, dass der Kapitalismus seinen Teil dazu beigetragen hat, dass die romantische Liebe heute mehr denn je als entscheidende Grundlage für die Ehe gilt.
3. Gemeinschaft oder Strukturen sozialer Solidarität
Wenngleich die Liebe seit jeher in zahlreichen Kulturen und Gesellschaften besungen wird, ist sie doch erst mit dem Aufkommen des Individualismus als vorherrschender Ideologie zu einer rechtmäßigen und zentralen Emotion des Selbstseins geraten. Generell ist der Individualismus durch zwei Attribute - das eine privat, das andere politisch — gekennzeichnet: Erstens, jedes Individuum ist einzigartig und hat das Recht, seine Einzigartigkeit zu erkunden und auszuleben (expressiver Individualismus). Und zweitens, die Rechte des Individuums haben Vorrang vor den Rechten der Gemeinschaft. In der Geschichte des Westens erfüllt die Liebe beide Attribute: Wenn sich ein Mensch in die Einzigartigkeit eines anderen verliebt, drückt er dadurch gleichzeitig seine eigene Einzigartigkeit aus. Und mehr noch, die Liebe bestätigt auch das unveräußerliche Recht des Individuums auf freie PartnerInnenwahl, weil jede Wahl, die es trifft, anerkannt wird, ungeachtet nationaler, religiöser, ethnischer, sozialer oder sexueller Unterschiede. In diesem Sinn ruft die romantische Liebe zwei verschiedene Definitionen von Individualismus auf.
4. Die Kluft zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen
Eines der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus war die Abspaltung der biologischen von der ökonomischen Reproduktion und damit die Abschiebung der Frauen in die unbezahlte Arbeit. Die klare Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre führte zu einem neuen weiblichen Selbstverständnis, das hauptsächlich von Emotionen und den engen Beziehungen zu den Kindern, den Eltern und dem Ehemann geprägt war. Eine der dramatischsten Auswirkungen der Aufteilung in privat und öffentlich auf das Selbstbild der Frau war, dass mit fortschreitendem Kapitalismus der Bereich Arbeit und Politik immer mehr als »unauthentisch«, »erzwungen« und »künstlich« betrachtet wurde, der Bereich des Privaten und Emotionalen hingegen als idealer Ort, um das wahre Ich auszuleben. Die private Sphäre war identitätsstiftend geworden, was dazu führte, dass die Frauen ihr Ich nun über ihre »Innerlichkeit« definierten, sich fortan nur noch mit ihren Emotionen und persönlichen Beziehungen beschäftigten und diese Beziehungen als die einzig wahre, authentische Bühne der Selbstverwirklichung postulierten. Die romantische Liebe gehört historisch gesehen zu einer Form des Ichs, die wir als »psychologisches Selbstsein« bezeichnen können, die introspektiv ist und die das Gefühlsleben als Spiegel des wahren Ichs begreift.
5. Gestzgebung
Welche Politik ein Staat etwa in Sachen Hypotheken, Steuern oder der Steigerung oder Senkung der Geburtenrate verfolgt und wie er solche Punkte gesetzlich regelt, wirkt sich auch auf die Normen aus, nach denen die Menschen ihre jeweiligen romantischen Verhaltensmuster entwickeln. Geschlechterverhältnisse und heterosexuelle Beziehungen, ja sogar die romantische Liebe sind innerhalb der verschiedenen Institutionen wie Staat, Familie und Markt organisiert und strukturiert. (So kann der Staat zum Beispiel bestimmte sexuelle Beziehungen fördern oder bestrafen, er kann die Geburtenrate steuern, Scheidungsgesetze erlassen und so weiter.)
6. Der kulturelle Zusammenhang in dem die sexuellen Beziehungen organisiert sind:
Dieser kann grob unterteilt werden in Normen (»sich in eine verheiratete Person zu verlieben, ist unmoralisch«), Werte (»die wahre Liebe zu finden ist das höchste Gut«) und öffentliche Narrationen, die als Orientierungen dafür dienen, wie Ereignisse betrachtet, eingeordnet und beurteilt werden können (wenn Jakob in der biblischen Geschichte auf Rachel wartet, dann ist dies insofern eine kulturell legitime Narration, als sie die Legitimität der Macht des Patriarchats aufrechterhält, in dem Männer Frauen gegen Waren oder Arbeit eintauschen; in einem therapeutischen narrativen Rahmen hingegen würde es als »selbstzerstörerisch« gelten, wenn jemand jahrelang auf einen geliebten Menschen wartete, ohne seine Gefühle auszuleben).
Auch wenn die Vorstellung der romantischen Liebe im europäischen Bewusstsein in der einen oder anderen Form schon immer vorhanden war, ging es dabei lange Zeit nicht um Selbstnarration; diese kam in der romantischen Liebe erst mit dem Einzug der Moderne zum Tragen. Erst dann entstand das literarische Genre des Romans mit den entsprechenden Geschichten.
An dieser Stelle soll betont werden, dass kulturelle Codes nicht in den Köpfen der Menschen existieren, sondern über organisierte soziale Beziehungen und Einrichtungen immer wieder vorgelebt werden.
Kulturelle Codes werden zwar von den Mitgliedern einer Gemeinschaft anerkannt und umgesetzt, doch gleichzeitig werden sie auch von institutionalisierten Agenten wie Ärzten, Psychologen und Geistlichen verstärkt und durchgesetzt.
15.12.2009 / WeiberDiwan: "Das Buch gräbt auf unterhaltsame Weise an den Fundamenten (pop)kultureller Selbstverständlichkeiten."
Kurzbeschreibung
Romantische Liebesideale, die als heterosexuell, monogam, in höchstem Maße subjektiviert beschrieben werden können, dominieren nach wie vor unsere Vorstellungen von Liebe. Die Autorinnen und Autoren konfrontieren diese Lebens- und Liebessituationen mit Bildern aus dem medialen Alltag. In diesem Spannungsfeld zwischen persönlichen Beziehungen, gesellschaftlichen Normierungen und etablierter Geschlechterordnung transportiert Popkultur visuelle und sprachliche "Liebes-Codes", deren Bildung und Funktion analysiert wird. Mit Beiträgen von Eva Illouz und Eitan Wilf, Doris Guth, Ruby Sircar, Andrea Braidt, Diedrich Diederichsen, Angelika Baier, Heide Hammer und Gabriele Resl, Stephanie Kiessling, Sissy Szabó Quelle: amazon.deAuszug aus dem 1. Beitrag:
Ein weiteres Merkmal, das die Liebe von anderen Gefühlen unterscheidet, ist ihre narrative Beschaffenheit. Die Liebe entspinnt sich wie eine Geschichte, sie wird von ihrer Form her als narrativ empfunden und ist eng mit der Selbstnarration verbunden. Die meisten anderen Emotionen werden als punktuelle Ereignisse erlebt, die zwar Teil einer Geschichte sein können, die jedoch nicht dafür geschaffen sind, uns unser Ich in all seinen Ausprägungen zu schildern. (Unvorstellbar, dass ein Gefühl wie Wut den Lebensweg eines Menschen bestimmen könnte; das Leben auf eine Liebesbeziehung bzw. Liebesbeziehungen zu reduzieren fällt uns hingegen leicht (...) Das einzige vergleichbare Gefühl ist vielleicht die Rache, die ebenfalls im Zentrum einer Lebensgeschichte stehen kann.
Die Liebe ist also eine kulturelle Narration, die auf weiter gefasste kulturelle Narrationen des Selbst verweist. Ebenso wie andere Geschichten ist sie durch die ihr innewohnenden kulturellen Codes definiert.
Ein kultureller Code ist per definitionem ein konzeptuelles System, das sich um zentrale Gegensätze und Gleichsetzungen herum gruppiert, in denen Begriffe wie - Frau und Mann - einander gegenübergestellt werden, wobei jeder Begriff mit einem Bündel symbolischer Attribute belegt wird.
Kulturelle Codes liefern die Grundlage für Konnotationen.
Über kulturelle Codes wird soziale Realität gelesen, mitgeteilt und gestaltet. Poststrukturalistischen Historikerinnen und Soziologinnen zufolge vermittelt sich Bedeutung vor allem über paradigmatische Gegensätze und syntag-matische Assoziationen. So beinhaltet der US-amerikanische kulturelle Code für Liebe "häufig" Kategorien wie "Behutsamkeit", "Wärme" und "Freundschaft", nicht aber Bedeutungen wie "Lust" oder "wilde Leidenschaft". Kulturelle Codes wurzeln in der Gesellschaft, ihren Einrichtungen, Organisationen und standardisierten Prozessen, von denen ausgehend sie sich wie ein Geflecht aus Gegensätzen und Assoziationen ausbreiten.
In der Liebe spielen folgende institutionelle Strukturen eine wesentliche Rolle bei der Ausprägung kultureller Codes:
1. Religion
Die Kulturgeschichte der Liebe belegt, dass die Religion einen entscheidenden Einfluss auf die Normen nimmt, die Ehe und Sexualität regeln. Die katholische Kirche etwa setzte einen kulturellen Code der sexuellen Enthaltsamkeit durch und prägte das Ideal der romantischen Liebe als einer rein geistigen Empfindung, die vom Sexualtrieb abgespalten ist.'8 Die protestantische Theologie unterscheidet sich in diesem Punkt grundlegend von der katholischen, was sich auch im Umgang mit der Liebe niederschlägt. Ehe, Sexualität und Fruchtbarkeit sind hier positiv konnotiert und werden uneingeschränkt begrüßt und gefördert. Anders als im katholischen Christentum, wo Sexualität mit der Ursünde in Verbindung gebracht wird, gehört sie bei den Protestanten zum Plan Gottes dazu und wird nicht als störendes Element empfunden. Dies legt den Schluss nahe, dass auch die jüdische Religion und ihre rituellen Praktiken die gängige Vorstellung der Israelis von Ehe, Fruchtbarkeit und Sexualität beeinflusst haben.
2. Strategien des wirtschaftlichen Überlebens
Historikerinnen haben übereinstimmend gezeigt, dass immer wenn in der Geschichte Individuen in der Lage waren, ihr Leben unabhängig vom Vermögen der Familie zu bestreiten, und die wirtschaftlichen Bedingungen eine größere Mobilität zuließen, die Ehe für das ökonomische Überleben an Bedeutung verlor.'9 Dies wiederum führte zu einer größeren Freiheit in der Partnerinnenwahl. Ein freier Arbeitsmarkt, die Möglichkeit, sich aus eigener Kraft ein Auskommen zu sichern, das gesetzlich verankerte Recht auf Privateigentum und der Aufstieg des Individuums — alle diese Faktoren deuten darauf hin, dass der Kapitalismus seinen Teil dazu beigetragen hat, dass die romantische Liebe heute mehr denn je als entscheidende Grundlage für die Ehe gilt.
3. Gemeinschaft oder Strukturen sozialer Solidarität
Wenngleich die Liebe seit jeher in zahlreichen Kulturen und Gesellschaften besungen wird, ist sie doch erst mit dem Aufkommen des Individualismus als vorherrschender Ideologie zu einer rechtmäßigen und zentralen Emotion des Selbstseins geraten. Generell ist der Individualismus durch zwei Attribute - das eine privat, das andere politisch — gekennzeichnet: Erstens, jedes Individuum ist einzigartig und hat das Recht, seine Einzigartigkeit zu erkunden und auszuleben (expressiver Individualismus). Und zweitens, die Rechte des Individuums haben Vorrang vor den Rechten der Gemeinschaft. In der Geschichte des Westens erfüllt die Liebe beide Attribute: Wenn sich ein Mensch in die Einzigartigkeit eines anderen verliebt, drückt er dadurch gleichzeitig seine eigene Einzigartigkeit aus. Und mehr noch, die Liebe bestätigt auch das unveräußerliche Recht des Individuums auf freie PartnerInnenwahl, weil jede Wahl, die es trifft, anerkannt wird, ungeachtet nationaler, religiöser, ethnischer, sozialer oder sexueller Unterschiede. In diesem Sinn ruft die romantische Liebe zwei verschiedene Definitionen von Individualismus auf.
4. Die Kluft zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen
Eines der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus war die Abspaltung der biologischen von der ökonomischen Reproduktion und damit die Abschiebung der Frauen in die unbezahlte Arbeit. Die klare Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre führte zu einem neuen weiblichen Selbstverständnis, das hauptsächlich von Emotionen und den engen Beziehungen zu den Kindern, den Eltern und dem Ehemann geprägt war. Eine der dramatischsten Auswirkungen der Aufteilung in privat und öffentlich auf das Selbstbild der Frau war, dass mit fortschreitendem Kapitalismus der Bereich Arbeit und Politik immer mehr als »unauthentisch«, »erzwungen« und »künstlich« betrachtet wurde, der Bereich des Privaten und Emotionalen hingegen als idealer Ort, um das wahre Ich auszuleben. Die private Sphäre war identitätsstiftend geworden, was dazu führte, dass die Frauen ihr Ich nun über ihre »Innerlichkeit« definierten, sich fortan nur noch mit ihren Emotionen und persönlichen Beziehungen beschäftigten und diese Beziehungen als die einzig wahre, authentische Bühne der Selbstverwirklichung postulierten. Die romantische Liebe gehört historisch gesehen zu einer Form des Ichs, die wir als »psychologisches Selbstsein« bezeichnen können, die introspektiv ist und die das Gefühlsleben als Spiegel des wahren Ichs begreift.
5. Gestzgebung
Welche Politik ein Staat etwa in Sachen Hypotheken, Steuern oder der Steigerung oder Senkung der Geburtenrate verfolgt und wie er solche Punkte gesetzlich regelt, wirkt sich auch auf die Normen aus, nach denen die Menschen ihre jeweiligen romantischen Verhaltensmuster entwickeln. Geschlechterverhältnisse und heterosexuelle Beziehungen, ja sogar die romantische Liebe sind innerhalb der verschiedenen Institutionen wie Staat, Familie und Markt organisiert und strukturiert. (So kann der Staat zum Beispiel bestimmte sexuelle Beziehungen fördern oder bestrafen, er kann die Geburtenrate steuern, Scheidungsgesetze erlassen und so weiter.)
6. Der kulturelle Zusammenhang in dem die sexuellen Beziehungen organisiert sind:
Dieser kann grob unterteilt werden in Normen (»sich in eine verheiratete Person zu verlieben, ist unmoralisch«), Werte (»die wahre Liebe zu finden ist das höchste Gut«) und öffentliche Narrationen, die als Orientierungen dafür dienen, wie Ereignisse betrachtet, eingeordnet und beurteilt werden können (wenn Jakob in der biblischen Geschichte auf Rachel wartet, dann ist dies insofern eine kulturell legitime Narration, als sie die Legitimität der Macht des Patriarchats aufrechterhält, in dem Männer Frauen gegen Waren oder Arbeit eintauschen; in einem therapeutischen narrativen Rahmen hingegen würde es als »selbstzerstörerisch« gelten, wenn jemand jahrelang auf einen geliebten Menschen wartete, ohne seine Gefühle auszuleben).
Auch wenn die Vorstellung der romantischen Liebe im europäischen Bewusstsein in der einen oder anderen Form schon immer vorhanden war, ging es dabei lange Zeit nicht um Selbstnarration; diese kam in der romantischen Liebe erst mit dem Einzug der Moderne zum Tragen. Erst dann entstand das literarische Genre des Romans mit den entsprechenden Geschichten.
An dieser Stelle soll betont werden, dass kulturelle Codes nicht in den Köpfen der Menschen existieren, sondern über organisierte soziale Beziehungen und Einrichtungen immer wieder vorgelebt werden.
Kulturelle Codes werden zwar von den Mitgliedern einer Gemeinschaft anerkannt und umgesetzt, doch gleichzeitig werden sie auch von institutionalisierten Agenten wie Ärzten, Psychologen und Geistlichen verstärkt und durchgesetzt.
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